Aus fast vergessenen Tagen

Die Kerwa von 1946 bis 1959

Im Sommer 1946 dachten einige junge Burschen daran, die Tradition der Kerwaboum, die durch den Krieg jäh unterbrochen wurde, wieder aufleben zu lassen. Allerdings war man sich nicht sicher, ob damit wirklich schon 1946 begonnen werden sollte, da viele Verwandte, Freunde und Nachbarn nicht beziehungsweise noch nicht vom Krieg heimgekehrt waren. Schließlich entschied man sich für die Kerwatradition, um möglichst schnell wieder zu einem Dorfleben, wie es vor dem Krieg einmal war, zurückzukehren. So hielten im August 1946 zwölf Kerwaboum die erste Kerwa nach altem Brauch ab. In den folgenden Jahren schwankte die Beteiligung erheblich. Waren zeitweise ca. 15 junge Burschen dabei, konnte man in den 50er Jahren lediglich sechs bis acht zählen.
 

Während der ganzen Jahre änderte sich am Brauchtum und dem "Drumherum" nicht viel. Lediglich aus dem Dünnbier, das fast nur aus Wasser bestand, wurde Vollbier. Dies führte jedoch, wie Augenzeugen berichten, bei den Kerwaboum zu einigen Ausfällen.

Die Vorarbeiten für die Kerwa dauerten ca. vier bis fünf Wochen. In den ersten Jahren hielten die Kerwaboum ihre Sitzungen privat ab. Erst in den späten 50er Jahren konnten es sich die jungen Burschen zumindest gelegentlich leisten, die Sitzungen im Wirtshaus abzuhalten. Die Treffen dienten nicht nur einer guten Unterhaltung, sondern es wurde auch gesungen, um die Kerwaliedli zu üben. Dies war übrigens die einzige Möglichkeit den jungen Kerwaboum die Liedli beizubringen, da sie nirgends niedergeschrieben wurden.

Aus den ersten Jahren:
Unten kniend, von links: Leni Engelhardt, Thomas Volkert, Nikl Bretthauer, Stefan Freitag, Hans Engelhardt, Karl Hiltner, Konrad Sörgel, Georg Distler;
stehend, von links: Hans Distler, Gunda Abraham, Liesl Buchner, Hans Eder, Wina Schneider, Gretl Engelhardt, Lina Schaller, Inge Bodden, Anneliese Büchler, Anna Meyer, Marie Hiltner, Betty Kreuzer, Georg Hertel, Siegfried Hetzelein;
dahinter: Anna Förster, Fritz Distler, Fritz Schneider, Hans Buchner, Betti Sichemann, Helmut Stroech, Anneliese Krauß und Konrad Förster


Falls ein Grammophon zur Verfügung stand oder ein Kerwabou Quetschen spielen konnte, übte man auch hin und wieder das Tanzen. Dabei stellte man schon damals fest, dass die Madli besser tanzen können als die Boum. Einige Sitzungen wurden auch zum Arbeiten verwendet. So wurde der Kerwawagen auf Vordermann gebracht und die Pferdegeschirre auf Hochglanz poliert. Auch die 999 Lose für das Betznaustanzen wurden in einer mühsamen, aber klugen Art und Weise selbst gefertigt. Man nahm sich einige DIN A4-Papierbögen zur Hand und perforierte sie mit Hilfe einer Nähmaschine. Die so entstandenen Papierstreifen wurden dann noch mit dem Aufdruck "Kirchweih Leerstetten" und der entsprechenden Jahreszahl versehen. Jedes Los wurde für 20 bzw. 25 Pfennige verkauft.
Am Kerwafreitag wurden von den Kerwaboum die letzten Vorbereitungen getroffen und der Kerwabaum des Vorjahres umgelegt. Damals stand er noch mitten in der Schwabacher Straße, neben der Dorflinde. Deshalb musste vorher noch die von Haus zu Haus hängende Straßenbeleuchtung abmontiert werden.
Den Samstagvormittag nutzte man zum schmücken des Kerwawagens. Nach dem Mittagessen ging man in den Wald, um den neuen Kerwabaum zu holen. Dazu wurden zwei Wagen benötigt. Auf den einen wurde der Baum gelegt, auf dem anderen saßen die Musiker (eine Kapelle, die für das gesamte Kerwawochenende engagiert wurde), welche den Einzug der Kerwaboum nach Leerstetten musikalisch begleiteten.
 

Als der Baum nach großen Mühen stand, schnappten sich die Boum die herumstehenden Mädchen. Sie tanzten noch einige Runden, bevor es nach Hause ging, um sich für den Tanzabend in der Gaststätte Wellenhöfer herauszuputzen. Wegen dieser Tanzabende musste jeder Kerwabou mindestens 18 Jahre alt sein. Bis in die 60er Jahre hinein durfte man erst mit 18 Jahren auf den Tanz, was auch hin und wieder polizeilich kontrolliert wurde. Waren dann bei der Kontrolle noch Jüngere dabei, blieb ihnen nur noch die Flucht durch die Hintertür oder ein günstiges Versteck. Den Baum bewachte in dieser Nacht niemand. Nach Kerwaboummeinung hätte sowieso niemand Interesse gehabt, den Baum umzuschneiden. Am Sonntagmorgen hatten dann die Boum wieder Zeit auszuschlafen, außer es wurde einer von den Eltern verpflichtet in die Kirche zu gehen. Erstaunlicherweise forderte nicht einmal der Pfarrer den sonntäglichen Kirchgang.
So trafen sich die jungen Burschen erst am Nachmittag, um mit dem geschmückten Kerwawagen durch die Straßen von Leerstetten zu fahren. Die Straßen waren von vielen Menschen gesäumt, denn jeder wollte die Kerwaboum und den schönen Kerwawagen sehen. Der Umzug durch das Dorf, das sich lediglich vom Wendelsteiner Weg bis zur Schwander- bzw. Further Straße erstreckte, war nach ca. einer Stunde vorüber. Das Nachmittagsprogramm beinhaltete allerdings noch das Tanzen um den Kerwabaum. Dazu wurde in aller Eile ein Brettchen an den Baum genagelt, auf das ein Krug und ein Handtäschchen gelegt wurden.

Kerwaboum mit Kerwawagen und Musikkapelle

 Kerwa 1951

Kirchweihumzug 1951, Kutsche mit Ochsengespann

Kutscher: Baumgärtner Hans, Schild "Die alten Veteranen", in der Kutsche sitzend von links, Stroech Helmut, Weiß Hans, Engelhardt Georg, Blos Simon und Distler Georg. Im Kinderwagen Loni Meyer mit erhobener Hand.

 

von links: Klara Bretthauer, unbek., Frieda Hauerstein, Heinrich Rühl, Elfriede Distler, unbek., Tina Müller, Georg Hiltner, Anni Heider, Herrmann Abraham, Marga Feuerstein, Loni Meyer, Anni Burk, Karl Schaller

Anschließend stellten die Boum einen Wecker, worauf die Paare mit viel Elan zu tanzen anfingen. Nach jedem Tanz wurde ein allseits begehrter Hut weitergegeben. Denn das Paar, das zum Zeitpunkt des Weckerläutens den Hut trug, bekam den Krug und das Handtäschchen.
Am Montagmorgen um sechs Uhr ging es mit der Musikkapelle auf zum Weckruf. Jedes Jahr startete man vor dem Haus des Pfarrers. Entweder spielte die Kapelle ein Ständchen oder die Kerwaboum sangen einen Choral. Ausnahmsweise ließen sie kein typisches Kerwalied vom Stapel. Danach ging es von Haus zu Haus. Die Boum sangen und die Kapelle spielte auf. Meistens bekamen die Kerwaboum für ihre Ständchen Naturalien wie z.B. Eier, Schmalz, Gebäck bzw. ein wenig Geld. Die Spenden wurden in einen Korb gelegt, den ein Kind trug. Aus den Eiern wurden dann in der Gaststätte Rühreier für die Kerwaboum und die Musiker gemacht. Alles andere, was eingespielt wurde, gehörte der Kapelle.
 
Montagnachmittag um 14 Uhr fand das Betznaustanzen im Saal der Gaststätte Wellenhöfer statt. Es gab lediglich drei Tiere zu gewinnen: eine Ente, einen Hahn und einen Betzn (Schaf). Die Tiere mußten von den Kerwaboum besorgt und bezahlt werden. Das war für die Kerwaboum jedesmal ein finanzieller Kraftakt, schließlich kostete ein Betz in den 50er Jahren, zwischen 20 und 25 DM. Kurz nach dem Krieg tauschte man sogar einen Betzn gegen eine Kiste Tabak, was nicht verwundert, waren doch Naturalien ein besseres Zahlungsmittel als Geld. Das war aber ein riskantes Geschäft, da sämtliche Ernteerträge abgegeben werden mußten und ein Zuwiderhandeln bestraft wurde. Als das Betznaustanzen beendet war, ließ man die Kerwa zünftig ausklingen und freute sich schon auf das nächste Jahr. 1959 war es vorläufig das letzte mal, dass es Kerwaboum in Leerstetten gab. Erst 13 Jahre später blühte das alte und schöne Brauchtum wieder auf.